UNGLAUBLICH † INDIEN
Vergehende Sehnsucht | Eine Reise _Gedanken _ Reise
Menschen.
Gefühle.
Augen sehen. Was ist
wahr?
Wahr ist wohl das Leben.
Du oder Ich.
Wahr ist wohl die Zeit.
Gestern oder Morgen.
Wahr sind wohl die
Farben.
Schwarz oder
Weiß.
Wahr ist wohl die Geduld.
Lachen oder Weinen.
Wahr ist wohl die Liebe.
Wenn sie einen trifft.
Menschlich sind die
Triebe.
Bis das Leben dann
erlischt?
† Reisezeit †
(Buchrücken:) Gedanken formen eine Reise, die Reise formt Gedanken. Sie laden auf eine nächste Reise ein - auf die Reise durch eine erweiterte, eine Welt neuer Gedanken. Was ist eine Reise? Sie ist ein Weg, die eigene Welt zu durchforsten und zu erweitern. Was danach immer bleibt, ist eine Veränderung, auch wenn sie sich - wie ein leicht vergänglicher Schein - in der alltäglichen Gewohnheit gerne wieder verliert. Die Realität ist nach der Reise nicht mehr diejenige, welche sie bis dahin vorgab zu sein. Das Reisen verändert unseren Blick auf die Welt. Aus einer vergehenden Illusion heraus machen wir uns mit einer nächsten vertraut, es sei denn, wir klammern uns standhaft an etwas fest, das es gar nicht gibt. Indien ist ein Land, das einen unbedarften Reisenden ganz besonders herausfordern kann. In alle Richtungen scheint es zu gehen, gleichzeitig manchmal, selten vorher angekündigt. Schnell kommt es daher wie eine Achterbahn, die uns haltlos in das Leben fallen lässt, und uns in ihren Windungen den Herzschlag in die Höhe treibt. Indien ermutigt dazu, ein Ticket in die Achterbahn durch die eigenen Gedanken einzulösen. Mehr noch. Es nötigt dazu, es lässt keinen Ausweg offen. Eine Reise nach Indien bedeutet, unmittelbar am Leben teilzunehmen. Mit einer Zuschauerrolle begnügt sich dieses Reiseziel nicht. Es stellt unausweichlich die Frage, was jenes ist, das wir das Leben nennen.?! Das Land zieht den Besucher in die Tiefe, ohne ihn zu fragen - ob er dies möchte, oder nicht. Es prägt sich ein, hinterlässt seine eigenen Spuren. Es webt sein unsichtbares Netz, das einen nie mehr verlassen wird. Seine Substanz scheint selbst die entlegendsten Ecken der unbewussten Existenz zu durchdringen.
Das vorliegende Buch ist ein Sammelsurium von Bildern und Buchstaben, von Bruchstücken und Fundstellen, von Farben und Schleiern, die sich beim Leser neu entschlüsseln dürfen.
UNGLAUBLICH
† INDIEN
Vergehende Sehnsucht | Eine Reise _Gedanken _Reise
Robert Welscher | 2009
306 Seiten | Text & Bild | VK Euro 25
ISBN 978-3-941445-02-4
Als e-book (PDF) sofort
erhältlich
Medien bestellen | zum Seitenanfang | home
Robert Welscher | aus UNGLAUBLICH † INDIEN | www.modulenature.com
Einleitung
Reisen und die Inventur des Lebens
In vielen Menschen wecken die intensiven Geschehnisse unserer
Gegenwart Gedanken, die tiefer greifen und weiter sehen, als sie es
bislang gewohnt waren. Nachdrücklich schickt es unsere global
vernetzte Wirklichkeit auf die Suche nach neuen Lebenskonzepten. Unsere
Spezies ist intelligenter und anspruchsvoller geworden. Die
Qualität, in der wir die Welt reflektieren, lässt uns
immer phantastischere Ansprüche an das Leben formulieren.
Stets rücken sie von der Gewohnheit fort. Und manchmal hat es
fast den Anschein, als seien sie voll der Ungeduld und würden
schon sehnsüchtig auf uns warten.
Die Reise des Lebens rückt zielstrebig auf unbekanntes Terrain
vor. Es ist eine gründliche und immer weiter führende
Inventur der gemeinschaftlichen Lebensregeln. Und auch jeder Einzelne
ist angehalten, seine private Inventur durchzuführen und den
Stand seiner persönlichen Erkenntnis daraus zu weiten.
Dieses Buch lässt sich als eine umfassende Anregung verstehen,
um eine Inventur des Lebens anzugehen. Es bietet uns eine Reise an, die
uns staunend durch den fragilen Zustand unserer Wahrheit
führt. Weiche wie strenge, lebendige wie vergängliche
Geschichten präsentiert es unseren Vorstellungen. Sie formen
ein anderes Objektiv aus unserer Wahrnehmung, durch das wir auf das
Zeitgeschehen blicken.
Welch ein Schauplatz könnte wohl phantastischere Geschichten
erzählen, als der indische Subkontinent? Welche Form zu reisen
sollte man denn in Betracht ziehen, als sich ohne Ziel und Route als
Neuankömmling dem Schicksal zu übereignen?
Ein Flugticket, wenige Dinge im Rucksack und etwas Geld sollten
für eine Inventur des Lebens vollkommen genügen.
†
Lasst
uns reisen, jeden Tag!
Neue
Dinge, neue Menschen, neue Welten sehen -
Neue
Leben leben, der Wunderwelt begegnen -
Den
Schein von einer neuen Seite nehmen -
Das
Kind in uns wird strahlen.
†
Robert
Medien bestellen | zum Seitenanfang | home
Robert Welscher | aus UNGLAUBLICH † INDIEN | www.modulenature.com
Leseprobe
aus: Auf _atmen
... Es soll eine besondere und
außergewöhnlich heilige Stadt sein. Sie wird von
Brahmanen bewohnt, der oberen Kaste, und empfängt
über das Jahr unzählige Pilger. Viele
Gebäude drängen sich eng und verschachtelt um Tempel
und Klöster zwischen tropische Palmenhaine. Überall
dominiert das Gebet. Auf den groben Pflastersteinen schaukelt nicht nur
der Bus die letzten Meter zum Busbahnhof von einer Seite zur anderen
und kracht aus allen Fugen. Sogar das Gehen ist darauf beschwerlich.
Heiße, stickige Luft steht in den Gassen. Hinter
monströsen Gebetswagen, die bereitstehen, um endlich
für die nahende Feierlichkeit für den Gott Shiva
geschmückt zu werden, säumen
Devotionalienstände auf beiden Seiten den Weg.
Gläubige verfallen vor den Eingängen zu den heiligen
Plätzen in gestengeschwängerte, demütig
inszenierte Huldigungen. Männerstimmen füllen,
Mantras singend, ganze Straßenzüge. Dazwischen
schlängeln sich hupende Motorradfahrer und manchmal ein
Tourist auf einer Enfield zwischen geschäftigen Passanten und
Kühen hindurch. Immer wieder ziehen Gruppen Gläubiger
andächtig durch die Gassen hinaus an den Strand.
Eine standhafte Fraktion übrig gebliebener 68er und deren
Ahnen trifft sich in beachtlicher Zahl. Vielleicht erblüht
aber gerade auch ihre Wiederauferstehung. Ihr Anblick sollte mich nicht
verwundern, besonders nicht in Indien. Und dennoch kann ich ihrem
Outfit, eingekauft in heimisch buntes Jute, nur schwerlich etwas
abgewinnen. Ihre Körper verformen in fahl grünen
Hosen, deren Schritt sich weit unterhalb der Kniekehlen verknotet. Man
gibt sich zumindest leicht angeschwitzt und penibel alternativ, was ab
einer gewissen Reichweite schon einmal penetrant werden kann.
Vielleicht liegt es daran, dass mir Drogenerfahrung völlig
fehlt und mir in dessen Folge etwas unverständlich bleibt.
Vielleicht bin ich auch einfach zu konservativ oder zu voreingenommen.
Oder ich bin noch nicht lange genug hier, sodass die Staubkruste meinen
Geschmacksnerv noch nicht genug verschoben hat.
Das Lokal am Strand macht mit ihnen einen glänzenden Umsatz.
Ich setze mich mitten hinein und bin erstaunt, wie gut ich mich dabei
fühle. Nicht einmal ein Hauch von Schwellenangst stellt sich
ein. Die Speisekarte wartet ausschließlich mit Unbekanntem
auf, sodass ich am Nebentisch nachfrage, um mir dann auch jenes Gericht
mit der auffallenden Form zu bestellen. Die große Kugel aus
dünnem Teig wird gebrochen und in eine scharfe Soße
getunkt.
Breiter Sandstrand erstreckt sich viele Kilometer nordwärts,
als möchte er nicht mehr enden und ist gesäumt von
Kokospalmen. Nach Süden schlendere ich durch seichtes Wasser
einige hundert Meter an wenigen Fischerbooten vorbei. Auf halbem Weg
die Anhöhe hinauf, besuche ich einen unscheinbaren Tempel, in
dem Mönche praktizieren. Viele steile Steinstufen
darüber öffnet sich ein karges Gelände und
steigt sanft einige hundert Meter bis zu einer
großflächigen Spitze an, um schroff in den Ozean
abzufallen. Schwarzes, scharfes Vulkangestein hebt sich in einem
dramatischen Kontrast von sandigem Boden ab und lässt Pflanzen
neongrün leuchten. In einem langsamen Spiel drängt
die Sonne immer weiter hinter den klaren Horizont. Wenige Fischerboote
verlieren sich in den Weiten des Wassers. Hinter mir ergießen
sich die Blätter unzähliger Palmen in endlos
scheinende, grün glitzernde Flächen zwischen die
Hügelketten und erzeugen eine sanft schwingende Anmut. Gut,
dass ich keine feste Reiseroute habe. Was ist es für ein
Glück, an diesem Platz zu stehen und das faszinierende
Ausmaß der Schöpfung um sich zu spüren.
Kein Mensch ist hier, nur der Wind auf meiner Haut und aufgeheiztes
Gestein unter meinen Füßen. Der Sonnenuntergang
schlägt die schönsten Brücken über
das Spektrum der Farben.
Kürzlich las ich in einem Magazin über
gesundheitsbewusstes Bauen einen Artikel über einen
afrikanischen Schamanen. Er wunderte sich, wie es Menschen im Westen
möglich ist, in Häusern aus Stein existieren zu
können. Ihnen komme nicht lediglich der gesamte Reichtum der
Natur, sondern mit der Zeit gar die Schärfe ihrer Sinne und
ihre Zufriedenheit abhanden. Es war meine erste Nacht zwischen
Ziegelsteinen und ich fühlte mich darin wie in einem dunklen
Verlies. Fast zwei Wochen schlief ich in windschiefen Hütten
und windig unverschlossenen Räumen in direkter Nähe
zum Meer. Welch eine Pracht hinterlassen singende Vögel und
die unaufhörlich schlagenden Wellen in meinem Gemüt.
Wie abgeschnitten wirkt dagegen eine trostlos abisolierte Stille.
Gleich morgens wandere ich über den Hügel zum
nächsten Strand, um mir dort eine neue Bleibe zu suchen. Eine
nächste zusammengeschusterte Hütte auf Sand gebaut,
ein einfaches Bett darin und ein Moskitonetz werden lange Tage mein
Zuhause sein. Wunderbar ist eine Welt, die nichts außer sich
selbst benötigt. Und ebenso herausragend empfinde ich es,
dabei nichts zu finden, worauf ich verzichten müsste.
Leise und andächtig setze ich langsame Schritte in den
Eingang. Vorne winkt mich ein Mönch heran - ich solle doch
bitte eintreten. Der erste Vorhof der Klosteranlage ist stark
renovierungsbedürftig. Er führt mich durch eine
Pforte in einen nächsten Innenhof, den auf allen Seiten offene
Säulengänge optisch erheben. Auf dem Platz direkt
hinter der Pforte kauert eine größere Gruppe
Männer auf großen Steinplatten und versucht sich
unter Anleitung bei der Meditation. Der Trance ähnliche
Zustände dürften sie gerade noch nicht erreicht
haben. Ihre Blicke richten sich sofort gegen mich und einige geben mir
per Handzeichen zu verstehen, dass ich von diesem erlauchten Platz
unverzüglich zu verschwinden hätte. Gleich darauf
setzen sie ihren Ritus fort. Links herum, im verlassenen Seitentrakt,
der den Komplex des Haupttempels einrahmt, lasse ich mich auf eine
freie Fläche nieder und bleibe eine lange Weile sitzen.
Der Platz scheint etwas in mir zu bewegen. Ich fühle mich wohl
und spüre die Sensibilität in mir ansteigen. Dieser
bedeutende Tempel ist ein Ort des wiederholten Gebets, ein Begleiter zu
sich selbst. Seit meiner Abreise aus Deutschland durfte ich langsam und
beharrlich zur Ruhe finden. Hier spüre ich, dass ich einem
soliden Gleichgewicht bereits ein großes Stück
näher gekommen bin. Die Schwingungen meines Körpers
beginnen sich zunehmend feiner durch meine Wahrnehmung abzubilden. Es
ist mein erster ernstzunehmender Besuch einer heiligen Stätte
der Hindus. Sehr schnell beginnt sich an diesem Ort meine Wahrnehmung
zu verformen, als bekämen Kopf und Oberkörper ein
verstärktes Gewicht und stiegen in ihrer
Feinfühligkeit. Wohliger Gleichmut senkt sich in die Ruhe, um
meinen Geist in eine nächste Verbindung hinter meinen
Körper zu tragen.
Medien bestellen | zum Seitenanfang | home
Robert Welscher | aus UNGLAUBLICH † INDIEN | Bild: Jodhpur | www.modulenature.com
Leseprobe
aus: Wahn _Sinn
... Dies ist das Zentrum von Indiens New Economy, wenngleich
die inländische Konkurrenz der rosigen Zukunftsperspektive
bereits einige Wurzeln ausreißt. Die mobil gebildete Jugend
zieht es weiter nach Hyderabad, wo das Land wesentlich freigiebiger mit
einer schnelleren und weit umfassenderen Infrastruktur
überwuchert wird.
Stadtviertel ohne Müll, Menschen, die organisiert Unrat
sammeln, Fassaden, deren Putz unbefleckt ist. Indien ohne Kuh, ein Hund
an einer Leine - hier ist etwas anders. Ein dicker Benz fällt
nicht sonderlich auf. Geregelter Verkehr läuft morgendlich
flüssig, Fahrbahnen haben Markierungen. Es macht den Anschein,
als hätte die Zeit ein Tor geöffnet, aus dem diese
Stadt in eine veränderte Epoche hineingehen durfte. Das
vermeintliche „Kapital“ des Westens lebt hier
deutlicher als anderswo entlang meiner bisherigen Reise durch dieses
Land. Es macht den Anschein, als hätte ein grundlegender
Wandel stattgefunden. Die Arbeit der Hände schwankt
hinüber in die Leistung des Verstandes. Das erdig
Körperliche tritt in den Hintergrund und überdeckt
sich mit egoistisch kultivierten Parolen des schlussfolgernden
Verstandes, denen sich das Funktionieren unterordnet. Die Frucht
westlichen Fortschritts vermengt religiöse
Unterwürfigkeit und bringt Millionen, der Reproduktion
ähnelnde Regeldenkmaschinen hervor.
So wirken nun einmal die Faktenverbreitungsinstitute der
äußerlichen Welt. Normwissen und Normkultur
begradigen die potentielle Vielfalt so, dass sie sich einst, nach einem
Wettstreit, einmal ein ehrlicheres Fundament suchen wird. Auf diese
Weise schreitet die Entwicklung des Lebens überall auf dieser
Welt fort. Der Mensch neigt nicht dazu, Stufen auf der Leiter zu
überspringen. Fein säuberlich kostet er auch die
schmerzhaftesten Erfahrungen aus, pocht auf sein Recht, ihre Vielfalt
ausnahmslos einzusammeln. Dabei achtet er ganz instinktiv auf die
richtige Reihenfolge.
Wirklich bemerkenswert finde ich eigentlich nur die Abstinenz der
Kühe. Vielleicht benötigt die hiesige Welt deren Ruhe
und Gleichgewicht, deren stabilisierende Genügsamkeit, nun
nicht mehr. Eine Entwicklung ist weit genug fortgeschritten, um die
eigene Existenz selbsttragend aufrechtzuerhalten. Ein Maß
kollektiven Energiedefizits schwächt sich ab und
verändert in seiner Emanzipation nachhaltig die Spielregeln.
In Bangalore gibt es einen ganz besonderen Mr. Murthy. Seines Zeichens
Nadi Reader, liest er in Fortführung einer langen
Familientradition aus uralten Palmblättern, die einst von
Mönchen beschrieben worden waren. In
Bibliotheksbeständen zusammengefasst, warten sie, um
Interessierten deren Wahrheiten zu berichten. Darin verkünden
sich diverse Gegebenheiten der persönlichen Vergangenheit,
individuelle Eigenschaften, Problemfelder, Lebensaufgaben und nicht
zuletzt die Zukunft. Sogar das Datum des zukünftigen Todes
soll bereits vorausgesehen worden sein. Bis vor einigen Jahren war
dieser Service noch nicht sehr verbreitet, doch jetzt, im Zuge der
weltweit boomenden, postmodern kommerziellen Wahrheitssuche, reihen
sich Wartelisten über Monate an. Vor drei Wochen unternahm ich
einen Versuch, einen Termin zu bekommen, doch führte mich die
Telefonnummer lediglich in die Unendlichkeit der Kabelstränge,
ohne Verbindung und Antwort. Ich war mir ohnehin nicht sicher, was ich
dort suchen oder vorfinden sollte. Das Leben will uns selbst leben
sehen. Das Heer von Wahrsagern, Kartenlegern, Astrologen und so weiter
mag wichtig und berechtigt sein, doch kommt eine Zeit in der
individuellen Entwicklung, da können die seriösesten
Ratschläge nicht mehr weiterhelfen. Individualität
erwächst nun einmal in letzter Konsequenz aus sich selbst
heraus. In unserem Körper sind wir alle so etwas wie alleine.
Es kommt zwangsläufig ein Punkt, an dem selbst die spirituelle
Erkenntnis ausschließlich aus sich selbst erstehen kann. Wie
könnte die Schöpfung anders existieren, wie sollte
die Evolution sonst einen Sinn ergeben?
Da ich nun aber gerade in Bangalore bin, außerdem noch nicht
weiß, wohin mich meine Reise danach führen wird, ich
also keine Eile habe, setze ich mich in eine Rikscha und suche nach Mr.
Murthy. In einer mäßig belebten Straße
außerhalb des Stadtzentrums passt die Adresse zu der auf
meinem Zettel. Neben einer Tiefgarageneinfahrt sitzt eine Frau auf
einer Steinschwelle, hinter der eine großflächig
verdunkelte Fensterfront einen Laden verbirgt. Als ich sie anspreche,
erzählt sie mir, dass sie auf Mr. Murthy warte, mit
dem sie einen Termin vereinbart hatte. Wenig später steht er
dann leibhaftig vor uns und fragt, was wir möchten. Er teilt
der Frau mit, dass ihr Termin bereits am Vortag gewesen wäre.
Heute hat er seinen freien Tag, weshalb wir ausgesprochenes
Glück hätten, ihn hier anzutreffen. Es sei ein
großer Zufall, dass er hierher gekommen sei. Eher
unfreundlich und missachtend verweist er mich darauf, doch einen Termin
anzufragen. Für eine Lesung hätte er für
mich gerade wirklich keine Zeit.
Immerhin darf ihn die Frau in einer Stunde ausnahmsweise doch noch kurz
besuchen, doch könne er ihr nur wenige Informationen geben, da
er sich auf eine Sitzung speziell vorbereiten müsse. Das sei
ihm heute nicht mehr möglich.
Die aus Frankreich stammende Frau und ich gehen zur nächsten
Straßenecke in ein Stehrestaurant und bestellen uns Tee. Ich
schätze sie um die sechzig Jahre alt, sie ist
fröhlich und überaus zuvorkommend. Aus ihr schimmert
jedoch ein Anstrich unsicherer Suche, die Hoffnung, jemand
könne an ihrer Stelle die Weisheit meistern. Seit mehreren
Wochen weile sie im Ashram bei Sai Baba und freute sich sehr auf den
Termin hier in Bangalore. Wie konnte sie das nur vergessen. Sichtlich
enttäuscht sucht sie nach einer Begründung
für ihren Lapsus. Seit Jahren besuchte sie immer wieder den
Ashram in Puttaparthy. Sie schwärmt vom Meister, tiefe
Ehrfurcht und Dankbarkeit dringt durch ihre Worte.
Auf ihre Frage nach meinem weiteren Reiseverlauf antworte ich ihr, dass
ich plane, über Mysore nach Kerala zu fahren, doch eigentlich
folge ich keiner bestimmten Route. Sie erzählt mir von den
herrlichen Tempelanlagen in Tiruvannamalai, einem überaus
bedeutenden Heiligtum für den Gott Shiva. In der heutigen
Nacht findet dort die wichtigste Zeremonie des ganzen Jahres statt.
Nach einiger Zeit drängt sie ihr Termin, wir verabschieden uns
sehr herzlich und wünschen uns alles Gute.
Medien bestellen | zum Seitenanfang | home
Robert Welscher | aus UNGLAUBLICH † INDIEN | Bild: Tiruvannamalai | www.modulenature.com