Ethik & Individualität
Leere Hüllen?
Was aus einer Welt wird, die all ihre Kraft in die Eroberung
der Äußerlichkeit steckt, erleben wir hautnah. So
sehr wir unseren Intellekt entwickeln, verirren wir uns zunehmend
darin. Umfassend gesehen, ist die Weltgemeinschaft sehr zielstrebig und
rücksichtslos darin, Raubbau an sich und der Umwelt zu
betreiben. Wir berauben uns nicht nur unserer eigene Lebensgrundlage
und verschwenden in beispielloser Manier die Ressourcen, die uns die
Natur bietet. Wir leben ein wenig erfülltes und freudloses
Leben. Wir organisieren
das Leben nicht mit dem Ziel uns zu entwickeln und ein
erfülltes Leben zu leben, sondern um Produktion und Konsum zu
generieren. Unser weit entwickelter Verstand und unser
aufgeblähtes Faktenwissen sind zum Diener einer verlaufenen
Idee geworden, und führen sich selbst immer offensichtlicher
an der Nase herum. Es ist höchste Zeit, unsere Lebenskonzepte
zu erweitern und anzureichern. Das bereits Erreichte ist in ein
besseres und wahrhaftigeres Licht zu rücken.
Was uns fehlt ist
offensichtlich - es mangelt uns an Anstand und Nächstenliebe,
an ethischem Grundkonsens. Wir leben nach dem Maßgaben einer
völlig unzureichenden Wertelandschaft und in einer unsinnigen
Weltanschauung. Zwar sind wir mental entwickelte Wesen geworden, doch
noch keineswegs zu wahrhaftigen oder spirituell bewussten Wesen
herangereift.
Leider irren wir in der Hoffnung auf Glück und
Erfüllung noch immer durch die Welt der scheinbaren,
äußerlichen Dinge. Wir erliegen dem Schein, anstatt
uns seiner Substanz zuzuwenden. Wir türmen Wohlstand auf und
folgen plakatierten Idolen, möchten besitzen und uns dabei
übertreffen, streiten um Ehren und Titel, um Karrieren und
Prestige, um Macht und Ansehen. Unser Verständnis von Wert
bezieht sich auf materielle Dinge. Wohlstand wird in Geld bemessen,
Erfolg in gemessenen Größen. Dabei
verkümmern unsere Gefühle zusehends und wir
entfremden uns immer weiter von unserer wahren Natur. Intuition und
Inspiration, die Anbindung an uns selbst, verkümmern hinter
der rationalen Verarbeitung von Regel- und Faktenwissen.
Wir sehnen uns nach leeren Hüllen, anstatt nach reichen
Inhalten. Wir trachten nicht danach, ein erfülltes Leben zu
erleben, sondern Besitztümer anzuhäufen. Es ist kein
Wunder, dass dieses Trugbild einmal zerbricht. Es ist die Krankheit, an
der die Erde leidet.
Doch zum Glück gibt es auch eine andere Seite in unserer Welt.
Wir bestehen aus Gefühlen und einer Vielfalt immer feiner
werdender Gedanken. Wir leben in einer vertikalen Wirklichkeit, die
sich bis in die Unendlichkeit erstreckt, die Zeit und Raum weit hinter
sich lässt. Jeder Mensch kann sie entdecken und anerkennen.
Welten liegen hier verborgen, großartiger und treffender,
weit phantastischer als es unsere tagbewusste Phantasie, die wir das
„reale Leben“ nennen, hervorbringen
könnte. Und das schönste daran ist, all das sind wir
selbst! Wir selbst sind die Gedanken, die wir erzeugen und der Quell,
aus dem sie entspringen. Wir selbst sind ihre Vielfalt und ihre Tiefe,
ihre Wahrheit und ihre Wirklichkeit, ihr Verlangen und ihr Vergehen.
Allein wir selbst sind die Würde, die wir uns entgegenbringen
- oder wir sind es eben nicht.
Das alles Entscheidende und Großartigste dabei ist, dass wir
selbst die Macht verkörpern, unsere Gedanken in neue
Richtungen zu lenken. Wir sind die tragende Größe
der Veränderung - was für eine herausragende Gabe!
Wir sind weit mehr als körperliche Wesen. Wir sind Geister,
sich bündelnde Fragmente aus Ideen und Inspirationen -
Kreationen, die aus der Vergänglichkeit Momentaufnahmen
bilden, um in der Entwicklung jeden Moment neu geboren zu werden. Wir
sind energetische Einheiten, die weder getrennt, noch endlich sind.
Unsere bewusste
Erweiterung ist die einzige, unausweichliche Grundvoraussetzung
für unser wahres Überleben auf der Erde. Der Blick
nach innen, in unser individuelles Wesen, in unsere
Spiritualität und wahrhaftige Einzigartigkeit, aus der sich
neue Gedanken und Welten formen, um das Leben immer neu zu kreieren.
Niemals werden wir auch nur ein im Ansatz erfülltes Leben
leben können, füllen wir es nicht mit dem an, was wir
sind.
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Robert Welscher | aus PROJEKT 20XX | Bild: VARANASI (Indien) | www.modulenature.com
Wege der Erkenntnis
Esoterische, religiöse, spirituelle Strömungen
Religionen, die Philosophie, Okkultismus, Kunst, Esoterik,
Wissenschaft und Forschung verschreiben sich im Grunde der gleichen
Sache - der menschlichen Entfaltung. Wir können die Evolution
als einen fortlaufenden Prozess der Transzendenz verstehen
(von lat. transcendere
„übersteigen“), was das fortlaufende
überschreiten von Grenzen des Verhaltens, Erlebens und
Bewusstseins bedeutet. Ebenso wie unsere
körperliche Wirklichkeit, entwickeln wir unsere geistige
Wahrheit fort. Die Entwicklung ist umfassend und lässt sich
von innen und außen untersuchen (esoterisch wie exoterisch).
Während die moderne Forschung einen Weg begeht, der sich von
den Hüllen der messbaren Erscheinungen immer weiter in die
Feinheit vorarbeitet, kann man Spiritualität als einen Weg
verstehen, der sich direkt der geistigen Transzendenz zuwendet. (v. lat.: spiritus = Geist,
Hauch bzw. spiro ich atme; auf Geistliches, auf Transzendenz
ausgerichtete Haltung).
Religionen sind demnach
Vehikel, Wege, die den Menschen unterstützen und dienen sollen.
Kirchen und Glaubensgemeinschaften können lediglich
institutionelle Plattformen für die spirituelle Bildung sein -
Autobahnen für die Selbstentwicklung. Es sind Institutionen,
die dem Suchenden Hilfe angedeihen lassen sollten, bis er selbst ein
Bewusstsein herausgebildet hat, in dem er sich dauerhaft in Gottes
Gewahrsam bewegt. Jede Form von Dogmatismus ist lediglich ein
vergänglicher Begleiter für den menschlichen Weg und
wird zwangsläufig einmal als eine notwendige Zeiterscheinung
erkannt werden, die einer höheren Entwicklung weichen muss.
Sie überdauern eine Weile, bis sie dann von der Entwicklung
überholt werden. Dabei spielt es keine Rolle, welchen Namen
eine Glaubensströmung trägt, noch wie ein Dogma
verpackt oder verbreitet wird. Sie braucht auch nicht
religiöser Natur sein, denn auch unsere irrgeleiteten
Bürokratien und marktwirtschaftlichen Regeln geizen nicht an
dogmatischer Ideologie. Nur weil wir gewohnt sind, in
ihnen zu leben, bedeutet das längst nicht, dass sie uns die
angemessene Umgebung für unser Leben gewährleisten
können.
Erkenntnis kann letztlich
allein im Individuum entstehen. Gemeinschaft und
gemeinschaftliche Erkenntnis sind nur der Rahmen für die
individuelle Entwicklung, nicht die individuelle Entwicklung an sich. (Nach Cicero (1. Jh. v. Chr.)
geht religio auf relegere zurück, was wörtlich
„wieder auflesen, wieder aufsammeln, wieder
aufwickeln“, im übertragenen Sinn
„bedenken, achtgeben“ bedeutet).
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Robert Welscher | aus PROJEKT 20XX | www.modulenature.com
Spiritualität
Besinnung
Irgendwann einmal stellt sich die Frage nach dem Sinn. Zu
jedem
fühlt sich diese Frage hingezogen, zu einem früher,
zum anderen später. Erscheinen wird sie ganz bestimmt. Doch
sie wirft unweigerlich weitere Fragen auf. Woher erscheint sie, wer
stellt sie, warum kommt sie zu jedem?
Vielleicht sollten wir uns ein Beispiel nehmen. Wie verhalten sich sehr
weise Menschen dieser Welt? Wie vorausschauend ist ihre Sichtweise, mit
welcher Achtung treten sie ihren Mitmenschen gegenüber, wie
bewusst artikulieren sie sich, in welcher Art und Weise reagieren sie
auf Impulse aus ihrer Umwelt? Welche Ziele verfolgen sie und was
motiviert ihr Handeln?
In ihnen fließt etwas zusammen, das sie überaus
authentisch
macht. Sie präsentieren sich in ihrer
unverwechselbaren
Identität. Überdies strahlt aus
ihnen eine unerschütterliche
Kraft und Lebensfreude, sie
bleiben stets gelassen durch ihre tiefe
Zuversicht und Ruhe. Man
könnte meinen, ihrem wachen
Auge entginge nichts. Trotz einer
natürlich
anmutenden Demut sind sie neugierig und
unvoreingenommen wie kleine Kinder. Ob die Frage nach dem
Sinn auch
ihnen erscheint? Gibt es jemanden, der auch ihnen diese Frage stellt?
Würden wir uns bei ihnen nach den Fragen erkundigen, die sie
bewegen, dann könnten wir erfahren, in welche Richtung sich
unser Weltbild wahrscheinlich entwickeln wird. Denn wir sollten davon
ausgehen, dass die Weite ihrer Weltsicht die unsere längst
eingeschlossen hat. Wir könnten einen ähnlichen Weg
vor uns sehen wie den, den sie bereits durchschritten haben. Es ist
wahrscheinlich, dass wir in ihrer Antwort nicht das erkennen, was sie
zum Ausdruck bringen möchten, da uns ihre Sicht der Welt in
Teilen noch verschlossen bleibt. Doch wir sollten uns zumindest darum
bemühen und uns dabei in Achtung üben.
Erst wenn wir beginnen,
uns selbst einen Wert einzuräumen,
können wir uns dem Nächsten wirklich zuwenden.
Erst
dadurch werden wir fähig werden, auch aus seinen Fehlern zu
lernen. Wir werden erkennen, dass wir gemeinsam den gleichen Weg gehen.
Aus einer engstirnigen und kurzsichtigen Schuldzuweisung erwachsen
Akzeptanz und Anerkennung. Aus der Konformität wird die
Individualität geboren und der Reichtum in ihr erkannt.
Gewinner werden alle sein, die einen ersten Schritt hin zu sich machen.
Es gilt das Leben zu
besinnen, leibhaftig Sinn zu verkörpern.
In der Besinnung liegt nicht weniger als die globale Herausforderung
der Gegenwart, die sich in jedem Einzelnen wiederfinden
möchte. Sie stellt den Gradmesser, an dem es unsere Zukunft
auszurichten gilt.
Besinnung mag aus einer leichten Substanz entspringen, doch sie ist
mächtig und erscheint bisweilen impulsiv. Sie stammt aus einer
allmächtigen Quelle. So darf es nicht verwundern, dass die
Liebe kaum zu tragen ist, trifft sie uns mit ihrer wunderbaren Wucht.
Hiergegen verblasst alles Leid, welches wir oft unreflektiert ertragen.
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Robert Welscher | aus DIE REFORMATION DES WELT • RAUMS | www.modulenature.com
Spirituelle Praxis
Es ist immer Alles - überall
Auf unserem Weg kommen alle nötigen Impulse
unaufgefordert zu uns her. Wir sind in eine Intelligenz eingebettet,
deren allumfassendes Vermögen uns und unseren Weg erst
möglich macht. Der Mensch ist ihr Spiel, ihre Form, ihr
Projekt. Wir sind auf sie angewiesen, damit sie ein Einsehen mit uns
hat und uns die Augen für sie öffnen lässt,
um einmal neben sie zu treten.
Auf unseren Wegen gehen
die Türen von alleine auf, wenn unser Vertrauen intakt und
unser Wille ausgeformt ist. Fehlt es uns an der
Bedingungslosigkeit gegenüber der Liebe, oder lassen wir
halbherzig unsere gewonnene Perspektive wieder aus unserem Blickfeld
entschwinden, wird unser Lebensfluss ins Stocken geraten. Dann sieht
sich die Fügung, in ihrem unerschütterlichen Drang
den Fortschritt voranzutreiben, genötigt, Umwege zu gehen.
Unsere Sinne sind nur auf
einen kleinen Ausschnitt dessen justiert, was tatsächlich
existiert. Solange wir den schmalen Korridor, den sie uns in die
tatsächliche Vielfalt des Lebens freigeben, nicht hinter uns
lassen, befinden wir uns in einer isolierten Abstellkammer, ohne es zu
bemerken. Die Enge verliert sich, je weiter wir auf der
Leiter der Individuation nach oben steigen. Die Natur ist die Summe
aller Sphären, der Mensch im Zustand seines
gegenwärtigen Bewusstseins also eher ein
unternatürliches Objekt. Nur so konnte es unsere Wirklichkeit
sein, dass wir uns einen göttlichen Mythos
überstreiften, anstatt selbst am Olymp der Götterwelt
zu thronen. Die Fügung ist ein gegebener Teil unseres
Naturells und hat nichts Übernatürliches.
So real die Fügung das Fundament unseres Lebens ist, so schwer
fällt es uns, das gewaltige Netzwerk zu erkennen, das sie
unter das sichtbare Leben legt. Hierzu bedarf es unserer tiefen
Achtsamkeit, gepaart mit einer neuen Qualität unseres
kritischen Urteilsvermögens. Zu erkennen, dass das Ansinnen
der Fügung uneingeschränkt die
Förderlichkeit ist, ist ein eigener Prozess, der einige Zeit
in Anspruch nimmt.
Erst dann, wenn wir diszipliniert genug sind, uns auf den Takt der
Fügung einzuschwingen, werden wir erahnen können,
welche Tiefen die Macht annehmen, und um was für ein
gewaltiges Ausmaß sich die menschliche Fähigkeit
ausdehnen kann. Hierfür genügt es jedoch nicht, wenn
wir uns isoliert auf den Weg machen. Unser Bewusstsein muss weit
über uns hinaustreten und sich als Mittler und Verteiler
erkennen, als Initiator und kreatives Element. Teil der
Fügung zu werden bedeutet, den Raum in sich einzubeziehen, den
die Gesamtheit des Lebens zur Verfügung stellt.
Die
größte Herausforderung ist es, sich zu sich selbst
zu bekennen. Wir sind nicht gleich und auch nicht gleich
zu machen. Unser Weg führt uns notwendigerweise in die
individuelle Transzendenz, wo es die Gemeinschaft nicht mehr gibt. Sie
wird dort erst erschaffen.
Wir können überhaupt nichts gewinnen, wenn wir uns zu
Marionetten einer Konvention machen. Es ist leicht, sich in
esoterischen Themen zu verirren und die Verantwortung für den
eigenen Weg abzuschieben. Lehrer gibt es viele, Gurus und Wahrsager,
Heiler und selbst ernannte Weise sprießen wie Pilze aus dem
Boden. In viele Ideen
kann man sich verlieren und sich ein nächstes Steckenpferd
dogmatisch heranziehen. Und obwohl man davon überzeugt ist,
einen weisen und bewussten Weg zu gehen, tatsächlich tritt man
auf der Stelle und es passiert überhaupt nichts.
Das ist keine Kritik an esoterischen Themen oder ein Zweifel an der
redlichen Weisheit vieler Menschen, die sich für den
Fortschritt engagieren. Es
ist die Aufforderung zu schonungsloser Selbstreflexion, die letztlich
nichts erlaubt, was nicht identisch mit dem herauszubildenden
individuellen Bewusstsein ist.
Solange wir unmündige Menschen sind, nicht reif genug, um
über die körperliche Existenz hinauszusehen, sind wir
auf eine zu erlernende Konvention angewiesen, damit sie unser Leben
ordnet. Wenn wir ein mutloses und gleichförmiges Leben leben
und tatsächlich am Leben nicht einmal teilhaben, wenn wir
nicht fähig sind, unseren eingefahrenen Alltag und engen Blick
aus eigener Initiative zu durchbrechen, dann brauchen wir uns nicht
wundern, wenn unsere Lebensenergie immer mehr versiegt. Wir vegetieren
wie ein Schattengewächs dahin, verängstigt und
verstört.
Ab dem Moment, an dem sich unser Wesen meldet, um es zu entdecken, ist
das Lernen in seiner gewöhnlichen Bedeutung allein nicht mehr
das richtige Mittel. Wir sind in einen Prozess der Selbsterfahrung
eingetreten. Wir möchten uns erleben, uns in das Neue
stürzen und unseren Teil am Erlebnisreichtum, den uns das
Leben auf der Erde bietet, bewusst in Anspruch nehmen. Wir werden das
Leben erst dann erfahren, wenn wir ihm eine Angriffsfläche
dafür bieten. Es ist ein Unterschied, ob wir hinaus gehen und
uns in der Welt mit uns selbst konfrontieren, oder zuhause vor dem
immer gleichen Fernsehprogramm kontinuierlich aus dem Leben sterben.
Heute ist das Spektrum an Möglichkeiten, das man zum Zweck der
Selbstentwicklung annehmen kann, so groß und fundiert wie
niemals zuvor. Es ist nur legitim und hilfreich, Unterstützung
anzunehmen. Dabei ist es jedoch der größte Fehler,
sich darin zu verlieren. Wir
sind gut beraten, uns Hilfe zur Selbsthilfe zu suchen, doch besser ist
es, wenn wir verstehen, dass wir uns dabei nur selbst helfen
können und dieses Recht konsequent einfordern.
Wir gehen unseren Weg alleine, niemand kann das für uns
erledigen. Es ist jedoch wie ein Segen, wenn wir uns auf unseren Wegen
gegenseitig begleiten.
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Robert Welscher | aus HEIMWEH NACH MORGEN | www.modulenature.com